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Das Einmaleins guter Texte #2: Präfixe und kurze Wörter

Guter Text, was ist das? Ich schätze mal, da legt jeder andere Maßstäbe an. Was genau einen guten Text für mich ausmacht, das erkläre ich euch in dieser Serie. Damit eines klar ist: Ich sehe mich sicher nicht als Maß aller Dinge, aber vielleicht hilft der eine oder andere Hinweis euch ja beim Schreiben eurer eigenen Texte.

Hartes Wörter-Schicksal: Hin, her, auf, zu, vor, wie

Diesmal soll es um kurze Wörter gehen, eine Silbe lang, zwei bis drei Buchstaben, um kurze Wörter wie hin und her, auf, zu, vor und wie. Diese kleinen Kollegen hat ein hartes Schicksal ereilt: Wir nutzen sie in unserer gesprochenen Sprache anders als eigentlich gedacht, um nicht zu sagen: falsch. Auch ich mache das. Schließlich rede ich anders, als ich schreibe – wie so ziemlich jeder Mensch. Das Problem ist nur: Der falsche Umgang mit den Silben hat sich inzwischen so eingeschliffen, dass sie in fast jedem Text falsch verwendet werden.

Hier also mein Senf zum Schicksal der Hins und Hers und Aufs und Zus und Übers und Mehrs und Vors und Wies – verbunden mit einem Appell zur Rettung dieser kurzen Wörter.

hin und her

Zwei Vorsilben, ein Schicksal: Sie werden gern verwechselt. Der Satz “Anton ist die Treppe zu Anja HINuntergegangen” bedeutet etwas anderes als “Anton ist die Treppe zu Anja HERuntergegangen”. Trotzdem nutzen wir die beiden Präfixe meistens gedankenlos geradewegs so, wie es uns in den Kram passt. Der Unterschied ist die Perspektive: Wenn Anja die Treppe zu Anton HINuntergegangen ist, dann haben wir ihre Perspektive eingenommen. Wir standen also bildlich gesprochen mit Anja zusammen oben am Treppenabsatz und sind zu Anton hingegangen. Wenn Anja die Treppe dagegen zu Anton HERuntergegangen ist, dann standen wir unten am Treppanabsatz bei Anton und haben Anja zugeschaut, wie sie zu uns die Treppe heruntergekommen ist.

Haarspalterei? Mag sein, aber gute Texte leben nun einmal von sprachlichen Bildern. Diese Bilder funktionieren aber nur, wenn wir die Sprache richtig einsetzen. Denn sprachlich falsche Bilder erkennen die meisten Leser subjektiv – auch wenn sie objektiv vielleicht nicht benennen können, warum der Text einen seltsamen Eindruck hinterlässt. Deswegen ist es wichtig, sich solche kleinen, feinen Unterschiede immer wieder bewusst zu machen.

auf vs. zu

Nein, es heißt nicht “auf eine Party gehen” oder “auf einer Pressekonferenz reden”, auch wenn wir das in der gesprochenen Sprache beständig sagen. Falsch ist es trotzdem, denn “auf” ist eigentlich eine exakte Ortsangabe, die genau genommen einen Standpunkt in der Vertikalen näher bezeichnet. Wir stehen “auf einer Kiste” (und nicht unter). Deswegen ist es nonsense, “auf eine Party” zu gehen. Stattdessen lasst uns doch einfach “zu einer Party” gehen.

über vs. mehr als

Auch über ist ähnlich wie auf eigentlich eine Orts- oder Höhenangabe. Trotzdem lesen wir in fast allen Medien Sätze wie: “Über zehn Menschen wurden verletzt.” Richtig wäre dagegen “Mehr als zehn Menschen wurden verletzt”.

vorprogrammieren

Der Klassiker: Doppelt hält besser, weil “pro” nichts anderes ist als der lateinische Begriff für “vor”. Vorprogrammieren heißt also vorvorgrammieren. Sagt man so, weiß ich, ist trotzdem Quatsch. Aber im Text doch bitte einfach programmiert, ohne vor.

aufoktroyieren

Genauso beliebt wie vorprogrammiert und ebenfalls Sprachquatsch. Oktroyieren bedeutet aufzwingen, aufoktroyieren folglich aufaufzwingen. Also: Entweder ihr oktroyiert jemandem etwas, oder ihr zwingt es ihm auf.

wie

Wie hat ein ähnliches Schicksal ereilt wie vor: Es wird gern mal mit einem bedeutungsgleichen Wort hintereinander verwendet. Teil des Problems könnte sein, dass Wie doppeldeutig ist.

Wie beschreibt einerseits einen Zustand: “Ich weiß nicht, wie das geht.” Gleichzeitig vergleicht wie Dinge miteinander: “Die Zwillinge gleichen sich wie ein Ei dem anderen.” Die Sache mit der Kommasetzung ignorieren wir an dieser Stelle mal (aber für alle, die es interessiert: Vor dem vergleichenden Wie steht kein Komma, außer das Wie leitet gleichzeitig einen Nebensatz ein).

Jedenfalls liest man immer wieder, “wie zum Beispiel etwas funktioniert” oder von “manchen Dingen wie etwa Büchern oder Laptops”. Das vergleichende Wie impliziert ja aber bereits ein Beispiel. “Wie zum Beispiel” und “wie etwa” sind daher genauso doppelt gemoppelter Sprachquatsch wie vorprogrammiert. Es reicht, wenn wir schreiben “wie etwas funktioniert” und “von machen Dingen wie Büchern und Laptops” schreiben.

Ihr seid anderer Meinung? Oder kennt noch weitere Beispiele? Ich freue mich über eure Kommentare.

 

Bereits erschienen sind in dieser Serie:

Das Einmaleins guter Texte #1: Aktiv und Passiv

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